{"id":13461,"date":"2021-08-30T20:16:02","date_gmt":"2021-08-30T18:16:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lvhf.cz\/?page_id=13461"},"modified":"2023-07-14T10:26:43","modified_gmt":"2023-07-14T08:26:43","slug":"kavalirska-cesta-do-vidne","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.lvhf.cz\/de\/kavalirska-cesta-do-vidne\/","title":{"rendered":"Das Collegium 1704 auf Kavaliersreise nach Wien"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<h2>Das Collegium 1704 auf Kavaliersreise nach Wien<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Interview mit <strong>V\u00e1clav Luks<\/strong>, dem Begr\u00fcnder und k\u00fcnstlerischen Leiter des Ensembles Collegium 1704, ist immer erfrischend, unterhaltsam und in vielerlei Hinsicht lehrreich. Dieses Mal ging es um Antonio Vivaldi, Musik von ihm wird das Collegium 1704 im Rahmen des 6. Jahrgangs des Musikfestivals Lednice|Valtice am 23. September im Gartenpalais Liechtenstein in Wien auff\u00fchren, sowie um den Film Il Boemo \u00fcber Josef Myslive\u010dek, der bald in die Kinos kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<noscript><img decoding=\"async\" class=\"img-responsive aligncenter\" title=\"lednice chateau\" src=\"https:\/\/www.lvhf.cz\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/16x9_LVHF_luks_vaclav-c-Petra-Hajska.png\" alt=\"lednice chateau\"><\/noscript><img decoding=\"async\" class=\"img-responsive aligncenter lazyload\" title=\"lednice chateau\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAIAAAAAAAP\/\/\/yH5BAEAAAAALAAAAAABAAEAAAIBRAA7\" alt=\"lednice chateau\" data-src=\"https:\/\/www.lvhf.cz\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/16x9_LVHF_luks_vaclav-c-Petra-Hajska.png\"><\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Ist wahr, was man sich \u00fcber Ihr erstes Engagement bei den Salzburger Festspielen erz\u00e4hlt?<\/strong><br>\nWenn Sie die Geschichte meinen, wie Florian Wiegand, Dramaturg der Salzburger Musikfestspiele, beim Z\u00e4hneputzen Radio h\u00f6rte und dort gerade die Live-Aufnahme unserer Auff\u00fchrung von Bachs <em>h-Moll Messen<\/em> lief, dann stimmt das, ja. Wir haben ihn damals derartig gefesselt, dass er sich nicht nur die gesamte \u00dcbertragung bis zum Schluss anh\u00f6rte, sondern uns auch zu den Salzburger Musikfestspielen einlud. Solche Zuf\u00e4lle gibt es manchmal.<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>K\u00f6nnen wir die bisherigen Auftritte des Collegium 1704 bei den Festspielen kurz umrei\u00dfen?<\/strong><br>\nZuerst wurden wir f\u00fcr Bachs <em>h-Moll Messe <\/em>engagiert, was eine gro\u00dfe Ehre war. Ich denke, es war \u00fcberhaupt das erste Mal, dass sie ein Ensemble aus nicht deutschsprachigem Raum einluden, ein so gro\u00dfes Werk von Bach zu spielen. Anschlie\u00dfend kamen Bibers <em>Missa Salisburgensis<\/em> und Monteverdis <em>Selva morale e spirituale<\/em> im Salzburger Dom, der Mitschnitt dieses Konzerts geh\u00f6rt zu den besonders beliebten Aufnahmen der Salzburger Musikfestspiele. Es folgte Alessandro Stradella \u2013 das Oratorium <em>San Giovanni Battista<\/em>, das war ein interessantes Projekt, denn im selben Jahr inszenierte das Festival eine neue Produktion von Strauss&#8216; <em>Salome<\/em>, die eine sehr \u00e4hnliche Geschichte hat. Unser Konzert war also so eine Art Gegenpol zum Thema Salome. Und unser bisher letztes Projekt in Salzburg war ein Konzert im Rahmen des Blocks geistlicher Musik <em>Overture Spirituelle<\/em>, bei dem wir eine Gegen\u00fcberstellung des gr\u00f6\u00dften deutschen und des gr\u00f6\u00dften tschechischen Barockkomponisten vornahmen \u2013 Johann Sebastian Bach und Jan Dismas Zelenka. Ja, und im n\u00e4chsten Jahr sollen wir mit Myslive\u010deks Oratorium <em>Abrah\u00e1m und Iz\u00e1k<\/em> zu den Salzburger Musikfestspielen zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>Bei dem Konzert in Wien werden Sie neben kleineren Kompositionen von Johann Melchior Pichler geistliche Werke Antonio Vivaldis auff\u00fchren. Wie war Ihr Weg zum <em>Roten Priester<\/em>?<\/strong><br>\nIch denke, dass sich jemand, der sich mit Barockmusik besch\u00e4ftigt, zu Vivaldi nicht \u00fcber einen, wie soll ich sagen, m\u00fchevollen Weg hocharbeiten muss, denn seine Musik ist zug\u00e4nglich, dankbar und vielf\u00e4ltig, so dass jeder in seinem Werk sein pers\u00f6nliches Lieblingsrepertoire finden kann. F\u00fcr das Collegium ist Vivaldi sehr wichtig, schon aus dem Grund, dass wir gemeinsam mit dem Regisseur David Radok nach dreihundert Jahren die szenische Urauff\u00fchrung der Oper <em>Arsilda, regina di Ponto<\/em> realisiert haben, was im Kontext von Vivaldis Schaffen eine sehr wichtige Oper ist. Ihr Weg auf die B\u00fchne war ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig komplizierter. Vivaldi hat sie einige Male \u00fcberarbeitet, nichts desto trotz war sie ein sehr erfolgreiches Werk und es ist interessant, dass er in ihr keine seiner vorherigen Kompositionen wiederverwendet hat, wie das zur Zeit des Barock \u00fcblich war, er hat ganz im Gegenteil <em>Arsilda <\/em>Melodien f\u00fcr seine sp\u00e4teren Opern entnommen. Augenscheinlich bedeutete ihm dieses Werk viel. F\u00fcr uns war das einer der wichtigen Meilensteine in unserer Entwicklung, denn es ging um eine gro\u00dfe Opern-Koproduktion mit dem Slowakischen Nationaltheater und den Opernh\u00e4usern in Luxemburg, Caen und Versailles. <\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>Wenn wir \u00fcber <em>Arsilda<\/em> sprechen, ist es wahr, dass Prag die einzige Stadt au\u00dferhalb Italiens war, in der Vivaldis Opern zu seinen Lebzeiten gespielt wurden?<\/strong><br>\nDas w\u00fcrde ich etwas berichtigen, Prag war mit Sicherheit nicht die einzige transalpine Stadt, in der Vivaldis Opern aufgef\u00fchrt wurden. Sie wurden in Deutschland gespielt, zum Beispiel in Dresden, <em>Arsilda<\/em> wurde in Kassel aufgef\u00fchrt. Prag war aber gewiss eines der wichtigsten Zentren f\u00fcr Vivaldis Musik, und soweit ich wei\u00df die einzige Stadt au\u00dferhalb Italiens, f\u00fcr die er Auftragsopern schrieb, n\u00e4mlich f\u00fcr das Theater Franz Anton von Sporck. Bekannterma\u00dfen war er beim Grafen Wenzel von Morzin angestellt, er trug den Titel <em>Maestro di cappella in Italia<\/em>, sein italienischer Kapellmeister sozusagen, und Prag hat er vermutlich auch einige Male besucht, wenn es dar\u00fcber auch keine Belege gibt. Seine Verbindung zu Tschechien war jedenfalls sehr stark, einige seiner Kompositionen sind sogar als Handschrift auf tschechischem Papier erhalten, was davon zeugt, dass er sie wahrscheinlich in Prag komponiert hat. <\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong> Im Laufe des letzten Jahres, in dem ich mich mit der Pers\u00f6nlichkeit Antonio Vivaldis intensiver auseinandergesetzt habe, h\u00f6rte ich regelm\u00e4\u00dfig die Meinung, seine Vokalkompositionen k\u00e4men seinen Instrumentalwerken sehr nahe.<\/strong><br>\nEs ist interessant, dass Vivaldi in Opern wirklich h\u00e4ufig Bausteine verwendet, die wir aus seinen Instrumentalwerken kennen. Nat\u00fcrlich weicht spirituelle Musik von dieser Formel ab, schon allein  weil Vivaldi darin oft den Chor verwendet. Ich w\u00fcrde sagen, dass seine musikalische Sprache in diesem Genre dem Stil seines \u00e4lteren Kollegen Antonio Lotti sehr nahe kommt. Schlie\u00dflich hat Vivaldi sogar einige St\u00fccke Lottis \u00fcberarbeitet und in seinen eigenen Kompositionen verwendet. Die Sologesangspartien in seinen geistlichen Werken und Opern sind sich sehr \u00e4hnlich, wenn er auch in Opern h\u00e4ufiger f\u00fcr Frauenstimmen schrieb. Die Art, auf die er f\u00fcr Frauenstimme schreibt unterscheidet sich stark davon, wie er f\u00fcr Kastraten komponiert, auch die Tessitur <em>(die f\u00fcr die Stimme bequemste Lage, Anm.d.Red.)<\/em> eines Sopranparts zum Beispiel ist f\u00fcr Frauen- oder Kastratenstimme ein wenig verschieden, bei Partien f\u00fcr Frauenstimme ist sie insgesamt oft etwas h\u00f6her, und im Gegensatz dazu ist das Mittel etwas tiefer, wenn ein Kastrat in geistlichen Werken wie eine Sopranistin singt und nur wenige, H\u00f6hepunkte markierende, Phrasen liegen in der h\u00f6heren Lage. Die Schreibweise unterscheidet sich da also ein wenig, aber ich w\u00fcrde eher sagen, nach der Lage. Was die Entwicklung von Themen, Melodien, die Arbeit mit dem Orchester, mit der Instrumentation betrifft, ist es sehr \u00e4hnlich, aber es ist allgemein bekannt, dass die Grenze zwischen geistlicher Musik und Oper im 18. Jahrhundert l\u00e4ngst nicht so schroff war, wie sie insbesondere das 19. Jahrhundert verlangte.<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong> Interessieren Sie sich f\u00fcr verschiedene Vivaldi-Interpretationen? Es gibt ja italienische, franz\u00f6sische, englische, deutsche&#8230;<\/strong><br>\nSelbstverst\u00e4ndlich interessiere ich mich daf\u00fcr! Ich w\u00fcrde sagen, dass Vivaldis Musik durch ihre Schlichtheit oft dazu f\u00fchrt, dass Interpreten das Gef\u00fchl haben, sie m\u00fcssten, wie man so sch\u00f6n sagt, etwas aus ihr machen, und das f\u00fchrt wiederum nat\u00fcrlich zu einer Anpassung an deren Sichtweise, an ihr Naturell und ihre eigene Art zu musizieren. Das ist nat\u00fcrlich nicht nur bei Vivaldi der Fall, in der Barockmusik gilt grunds\u00e4tzlich, und das beschrieben schon die fahrenden Musiker des 18. Jahrhunderts, dass italienische Orchester anders spielen als deutsche, dass sie eine Vorliebe f\u00fcr Extravaganz haben, f\u00fcr Virtuosit\u00e4t und Farbenreichtum, daf\u00fcr haben sie keine solche Disziplin. Dass franz\u00f6sische Orchester zwar auch sehr undiszipliniert spielen, daf\u00fcr aber einen sehr f\u00f6rmlichen, klangsch\u00f6nen und geordneten Ausdruck haben, allerdings tr\u00e4gt er kein solches Temperament in sich, wie italienische Interpretationen. Und nat\u00fcrlich ist f\u00fcr die Italiener das Wichtigste die Gesanglichkeit, das Cantabile, die Stimme als das sch\u00f6nste Instrument, welches von allen anderen Instrumenten zu imitieren ist. Das war die grundlegende italienische Sichtweise, auch der Geiger oder allgemein von Musikern, die auf Streichinstrumenten spielten und die ihren Klang immer mit einer Vision von der menschlichen Stimme erzeugten. Deshalb waren auch die gr\u00f6\u00dften Violinvirtuosen Italiener und \u00fcberhaupt gefiel ihnen nicht, wie man in Deutschland spielt, das empfanden sie als Quietschen und Kratzen, das man sich nicht anh\u00f6ren konnte, f\u00fcr die Deutschen waren im Gegensatz dazu das Wort, die Artikulation und die Struktur wichtig. Nicht umsonst haben alle bedeutenden europ\u00e4ischen Geiger die italienische Schule durchlaufen. Der ber\u00fchmteste von ihnen, Johann Georg Pisendel, war Zeitgenosse und sogar Sch\u00fcler Vivaldis, anschlie\u00dfend wirkte er als Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle und machte aus Dresden das wichtigste Zentrum f\u00fcr Vivaldis Musik au\u00dferhalb Italiens. Sie waren zeitlebens in Kontakt, schrieben sich Briefe, widmeten sich Kompositionen. Die nationalen Besonderheiten des musikalischen Ausdrucks sind in der Barockszene das Interessante. Noch vor vierzig Jahren war es m\u00f6glich nach Geh\u00f6r ein russisches von einem tschechischen, deutschen oder amerikanischen Orchester zu unterscheiden, heute sind diese charakteristischen Erkennungsmerkmale nahezu verschwunden. In der Alten Musik jedoch gelten sie nach wie vor und diese Kontraste sind sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>Sie k\u00e4mpfen also mit der Globalisierung!<\/strong><br>\nNa das in jedem Fall \u2013 mindestens mit der musikalischen. (lacht) Was unsere tschechische Vivaldi-Interpretation angeht, w\u00fcrde ich sagen, befinden wir uns in einer sehr \u00e4hnlichen Situation wie die Tschechen zur Zeit des Barock, das hei\u00dft an einer Kreuzung der Stile, als das italienische Element in unserem Land eindeutig das bedeutendste war. Ich w\u00fcrde behaupten, unsere Interpretation ist dem italienischen Wesen vermutlich am n\u00e4chsten.<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>Haben die Werke auf dem Programm des Wiener Konzertes Gemeinsamkeiten?<\/strong><br>\nEs handelt sich mehr oder weniger um Kompositionen, die Vivaldi aller Wahrscheinlichkeit nach f\u00fcr das Ospedale della Piet\u00e0 schrieb und gr\u00f6\u00dftenteils wissen wir nicht, unter welchen Umst\u00e4nden sie aufgef\u00fchrt wurden. Ungeachtet dessen ist interessant, dass gerade durch die Attraktivit\u00e4t des internationalen Exports von Vivaldis Werken, nun viele in diversen Archiven in ganz Europa entdeckt werden. Nur wenige davon aber sind Einzelst\u00fccke, so zum Beispiel eben jene Prager Abschrift des<em> Dixit Dominus RV 595<\/em>, welches wir in Wien auff\u00fchren werden. Die Tatsache, dass Abschriften dieser Werke gerade in Prag aufbewahrt werden, zeugt davon, wie popul\u00e4r Vivaldis beziehungsweise italienische Musik in Prag generell war und was f\u00fcr ein wichtiges Zentrum zur Pflege italienischer Musik die Kreuzherrenkirche des Hl. Franziskus von Assisi war. Und damit ist nicht nur liturgische Musik gemeint, die zu den Gottesdiensten gespielt wurde, sondern auch das italienische Oratorium, bei dem ich gern etwas l\u00e4nger verweilen w\u00fcrde, da ich f\u00fcr wichtig halte, dass gerade seine Beliebtheit gro\u00dfen Einfluss auf den tschechischen musikalischen Ausdruck hatte und au\u00dferdem dem Prager Mozart-Verst\u00e4ndnis den Boden bereitete. Besonders die Neapolitanische Schule hatte eine gro\u00dfe N\u00e4he zur Sprache des Wiener Klassizismus. In einer Zeit, in der Bach in den drei\u00dfiger Jahren des 18. Jahrhunderts seinen deutschen Kontrapunkt schreibt, entstehen in Neapel Arien, die mit ihrer Melodizit\u00e4t und ihrer Art der Begleitung in Form des sogenannten Trommelbasses \u2013 jam pam pam pam (singt) \u2013 und mit einfacher Harmonie, schon ganz klar die musikalische Struktur des Wiener Klassizismus vorweg nehmen. Und das war eine Musik, die auch in Prag gespielt wurde. Also ist es so, dass wir Tschechen uns zwar damit br\u00fcsten, wir h\u00e4tten mit der tschechischen Melodizit\u00e4t den Wiener Klassizismus beeinflusst, das ist aber \u00fcberhaupt nicht wahr. Vielmehr ist es so, dass tschechische Komponisten von italienischer Musik beeinflusst wurden und in dem Moment, in dem sie nach Wien oder Italien reisten, wie im Falle Myslive\u010deks, war ihnen dieser italienische bzw. neapolitanische Stil bereits sehr vertraut. Also nichts mit &#8218;Bei uns wurde der Wiener Klassizismus erfunden&#8216;!<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>Ich pers\u00f6nlich finde faszinierend, wie reich das Prager Archiv des Ritterordens der Kreuzherren mit dem roten Stern ist.<\/strong><br>\nEs ist ungeheuer reich und gro\u00df und es ist sehr schade, dass es nicht zug\u00e4nglich ist, es ist also beschwerlich, sich ein Bild davon zu machen, was sich tats\u00e4chlich alles darin befindet. Und dabei geht es nicht nur um Kompositionen von Vivaldi, sondern auch von Lotti, Caldara und weiteren italienische Komponisten dieser Zeit. Ein Archiv solchen Typs legt nat\u00fcrlich Zeugnis dar\u00fcber ab, wie hervorragend im 18. Jahrhundert der kulturelle Austausch funktionierte. Heute kommt man sehr leicht an Musik, alles m\u00f6gliche l\u00e4sst sich mit zwei Klicks im Internet finden, viele Archive sind digitalisiert, ich denke aber, dass es infolge dessen viel wichtiger ist, den wirklichen Willen zu haben, sich Musik nicht nur anzueignen, sondern sie auch aufzuf\u00fchren. Heute haben wir die M\u00f6glichkeiten, nutzen sie aber weit weniger als das noch im 18. Jahrhundert der Fall war. Diejenigen, die Musik unterst\u00fctzten, machten sich riesige M\u00fchen, damit sie zu uns kam und das betrifft nicht nur die geistliche Musik des Ritterordens der Kreuzherren mit dem roten Stern, sondern zum Beispiel auch die Jesuiten und weitere Orden, die in ganz Europa vertreten waren und eine Art kulturelles Netzwerk bildeten, das sich gegenseitig Musik zukommen lie\u00df. Das galt auch f\u00fcr die Adelsgeschlechter, schlie\u00dflich hatten in S\u00fcdm\u00e4hren im Umkreis von Valtice viele Wiener Adlige ihre Sommerresidenzen, auf diesem Wege kam deshalb italienische Musik aus Wien bis zu uns. Man wei\u00df von Adam Questenberg, Lautenist und Amateur-Komponist, der in Jarom\u011b\u0159ice nad Rokytnou die neusten italienischen Opern auff\u00fchren lie\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>Sie werden in Wien die neuzeitliche Premiere von Werken des \u00f6sterreichischen Komponisten Johann Melchior Pichler auff\u00fchren. Finden wir in seinem Fall noch eine andere Verbindung zu Antonio Vivaldi als die Tatsache, dass beide in den Diensten Joseph Johann Adams von Liechtenstein standen?<\/strong><br>\nDanach m\u00fcssten wir wohl recht hartn\u00e4ckig suchen. Ich w\u00fcrde gern \u00fcber ihn sprechen, aber im Allgemeinen ist nicht viel \u00fcber diesen Komponisten bekannt. <\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>Und seine Komposition? L\u00e4sst sie sich mit irgendetwas vergleichen?<\/strong><br>\nIch w\u00fcrde sagen, seine musikalische Sprache \u00e4hnelt etwa der italienischer Komponisten an der Wende von Barock und Klassizismus, wie etwa Giovanni Battista Sammartini. Interessant ist jedoch, dass in unserem Gebiet fast nichts von seinem Werk erhalten blieb und dass einige seiner Konzerte und Symphonien in franz\u00f6sischen Quellen zu finden sind, aus denen auch ich sch\u00f6pfte und die sich in der Biblioth\u00e8que nationale de France in Paris befinden. Wie Pichler nach Frankreich kam, ist mir nicht bekannt und ich glaube nicht, dass wir das jemals erfahren werden. Seine Kompositionen sind in der Sammlung verschiedener \u00fcberwiegend italienischer Komponisten erhalten geblieben, und ich glaube, sie waren Gegenstand des Sammlerinteresses von jemandem, der den Band einfach erwarb, ohne damit zu rechnen, dass diese Musik jemals in Frankreich aufgef\u00fchrt werden w\u00fcrde. \u00c4hnlich wie bei uns die Familie Lobkowicz, die Musik aus ganz Europa sammelte, oft ohne die Ambition diese dann auch aufzuf\u00fchren. Wir wissen, dass sie Drucke von Lullys Opern in ihren Sammlungen hatten, die bei uns nat\u00fcrlich nie gespielt wurden. \u00c4hnlich exotisch wie Lully in unserem Land, h\u00e4tte Pichler w\u00e4hrend des Barock in Frankreich wirken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>Ein Film \u00fcber Josef Myslive\u010dek vom Regisseur Petr V\u00e1clav kommt in die Kinos, in dem das Collegium 1704 eine unersetzbare Rolle spielt. Aber gewiss! Der Film ist auf Italienisch eingespielt worden, tschechisch ist darin nur eine einzige Szene. Er soll irgendwann im Herbst in die Kinos kommen, ein konkretes Datum fiel noch nicht.<em> (Kinostart in der tschechischen Republik ist der 16.12.2021, Anm.d.Red.)<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>Welche Phase in Myslive\u010deks Leben umrei\u00dft der Film?<\/strong><br>\nSeine gesamte Italien-Zeit, ab dem Moment der Ankunft Myslive\u010deks in Venedig 1767 bis zu seinem Tod in Rom im Jahre 1781, also in etwa f\u00fcnfzehn Jahre seines Lebens.<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>Welche Musik von Myslive\u010dek werden wir h\u00f6ren?<\/strong><br>\nSie werden unfassbar viel h\u00f6ren! Ungef\u00e4hr achtzig Prozent der Filmmusik stammt von Josef Myslive\u010dek. Nat\u00fcrlich wird hier ein besonders wichtiger Moment seiner Karriere gezeigt \u2013 der Erfolg seiner Oper<em> Bellerofonte<\/em> in Neapel, au\u00dferdem gibt es Musik aus der Oper <em>L&#8217;Olimpiade<\/em>, Szenen aus der Oper <em>Romolo ed Ersilia<\/em> und Instrumentalmusik \u2013 ein Violin- und ein Klavierkonzert, \u00fcberwiegend aber nat\u00fcrlich Oper. Wichtig ist, dass Musik in diesem Film nicht nur als Untermalung dient, sondern eine tats\u00e4chliche Rolle spielt. Es gibt lange Szenen, in denen nahe gebracht wird, wie zu damaliger Zeit eine Operninszenierung aussah, dazugeh\u00f6rige Realien eingeschlossen. F\u00fcr manche Menschen wird es vielleicht ein wenig \u00fcberraschend oder gar schockierend sein, dass der Zuschauerraum erleuchtet war und die Leute sich normal unterhielten. Man wei\u00df vom Abscheu des englischen Reisenden Charles Burney f\u00fcr das unglaubliche Chaos in italienischen Theatern, die S\u00e4nger sind aufgrund des L\u00e4rms nicht zu h\u00f6ren, in den Logen wird gegessen&#8230;Oper war einfach ein gesellschaftliches Ereignis, das mindestens bis zum zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts von der Idee eines eleganten Abends in Abendrobe himmelweit entfernt war. All diese Realien zeigen wir im Film, aber nat\u00fcrlich geht es haupts\u00e4chlich um Myslive\u010deks Lebensgeschichte und eine gewisse hypothetische Rekonstruktion vom Aufstieg und Fall eines der erfolgreichsten Opernkomponisten der damaligen Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>Wieviel Fiktion ist im Film und wieviel reale Fakten? K\u00f6nnen wir eine \u00e4hnliche Verarbeitung wie etwa in Formans <em>Amadeus<\/em> erwarten<\/strong><br>\nMilo\u0161 Forman hat einen Film gedreht, der sich nicht zum Ziel gesetzt hat, Mozarts Leben zu zeichnen, sondern es ging um die filmische Adaption eines Schauspiels von Peter Shaffer. Schon dadurch war eigentlich gegeben, dass er die Gew\u00e4sser der Realit\u00e4t verl\u00e4sst, es ging dabei um eine gewisse k\u00fcnstlerische Freiheit. Wollen wir einen Film \u00fcber Myslive\u010dek drehen, kommen wir um k\u00fcnstlerische Freiheit gar nicht herum, denn \u00fcber sein Leben in Italien wissen wir so wenig, es gibt mehrere L\u00f6cher darin, dass uns gar nichts anderes \u00fcbrig bleibt, als uns gr\u00fcndlich mit den damaligen Umst\u00e4nden vertraut zu machen und uns dann um eine gewisse Hypothese zu bem\u00fchen.Wie war es m\u00f6glich, dass ein absolut unbekannter Komponist aus dem Nichts heraus ein solcher Star wurde und dass dieser gigantische Stern so rasch wieder erlosch? Petr V\u00e1clav bietet eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung an, aber er besteht nicht darauf, dass es wirklich so war. In jedem Fall geht es um ein so interessantes und so provokantes Thema, dass es sich lohnt, Antworten zu suchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>Haben Sie den Film schon gesehen, und wenn ja, was haben Sie f\u00fcr einen Eindruck von ihm?<\/strong><br>\nDas kann ich jetzt nicht verraten und es ist auch gar nicht relevant, ob ich pers\u00f6nlich begeistert bin. Wichtig ist, wie das Publikum den Film annimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n<strong>Trotzdem, wie ist Ihre Erwartung?<\/strong><br>\nDass das einfach ein erfolgreicher Film wird. Es ist wichtig, ihn als Kunstwerk zu betrachten, mit dieser Perspektive. Es ist kein Dokumentarfilm, kein historisch-p\u00e4dagogisches Programm, es ist ein Kunstwerk, dem eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Hingabe zuteil wurde und das die grundlegenden Attribute eines sch\u00f6nen historischen Spektakels tr\u00e4gt, mit sch\u00f6nen Kost\u00fcmen, sch\u00f6ner Musik und dem gro\u00dfartigen Vojt\u011bch Dyk in der Rolle von Josef Myslive\u010dek.<\/p>\n<p>&nbsp;<br>\n_____________________________________________<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Gr\u00fcnder und k\u00fcnstlerische Leiter des Orchesters Collegium 1704 und des Vokalensembles Collegium Vocale 1704, <strong>V\u00e1clav Luks<\/strong>, studierte Horn am Konservatorium in Pilsen und Cembalo an der Akademie der musischen K\u00fcnste in Prag. Sein stetig wachsendes Interesse an der Alten Musik wurde gekr\u00f6nt von einem Studium an der Schola Cantorum Basiliensis in der Schweiz im Bereich historische Tasteninstrumente und historische Auff\u00fchrungspraxis, gefolgt von einer langj\u00e4hrigen T\u00e4tigkeit als Solohornist im renommierten Ensemble der Akademie f\u00fcr Alte Musik in Berlin. Neben seinen beiden Heimatensembles arbeitet er mit anderen Spitzenensembles wie der Camerata Salzburg, La Cetra Barockorchester Basel, Dresdner Kammerchor oder Ensemble Pygmalion zusammen, mit dem er Purcells Oper Dido et Aeneas beim Festival d\u2019Aix-en-Provence auff\u00fchrte. Als Teil eines Benefizkonzerts zur Wiedererrichtung der Notre Dame Kathedrale in Paris dirigierte er das Orchestre national de France. Er arbeitet mit den Radiosendern Radio France, Deutschlandradio Berlin, \u00d6RF und dem schweizer Sender DRS zusammen. Nicht nur mit dem Orchester, sondern auch solistisch nimmt er f\u00fcr die Musikverlage ACCENT, Supraphon und Zig-Zag Territoires auf. Im Mai 2021 er\u00f6ffnete er mit seinem Collegium 1704 und Smetanas Mein Vaterland das Internationale Musikfestival Prager Fr\u00fchling.<br>\n&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Collegium 1704 auf Kavaliersreise nach Wien &nbsp; Ein Interview mit V\u00e1clav Luks, dem Begr\u00fcnder und k\u00fcnstlerischen Leiter des Ensembles Collegium 1704, ist immer erfrischend, unterhaltsam und in vielerlei Hinsicht lehrreich. Dieses Mal ging es um Antonio Vivaldi, Musik von ihm wird das Collegium 1704 im Rahmen des 6. Jahrgangs des Musikfestivals Lednice|Valtice am 23. 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